4. Sep – 7. Nov 2026

Der Abdruck gehört zu den ältesten Zeichen menschlicher Kultur. Er verkörpert ein grundlegendes philosophisches Paradoxon: Er kennzeichnet eine Präsenz, die im selben Augenblick bereits in Abwesenheit übergegangen ist. Körperlicher Kontakt hinterlässt eine Spur und hält so die Vergangenheit in der Gegenwart fest. Doch in einem Zeitalter, das von digitalen und hybriden Prozessen geprägt ist, ist der Abdruck nicht mehr nur eine Aufzeichnung dessen, was gewesen ist. Stattdessen kann die Spur der Vergangenheit zu einer Vorlage für das werden, was noch kommen wird. Er wird zu einem dynamischen Prozess, in dem Material, Technologie, Zufall und Wahrnehmung sich gegenseitig kontinuierlich prägen und verwandeln.

Cathrin Hoffmann

Cathrin Hoffmann (* 1984) ist eine deutsch-iranische Künstlerin, deren künstlerisches Schaffen die Bereiche Malerei, Skulptur und Installation umfasst. Sie setzt sich mit der Frage auseinander, was es bedeutet, im Technozän Mensch zu sein – einer Ära, die durch rasante technologische Entwicklung, digitale Immersion und eine tiefgreifende globale Krise geprägt ist. Im Mittelpunkt ihres Schaffens steht die Frage: Was wird aus der Menschheit, wenn wir den physischen Körper durch eine digitale Existenz ersetzen? Und wie wichtig ist das Bewusstsein für das Leben, um eine nachhaltige Beziehung zur Welt aufzubauen?

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Über die Ausstellung

Die Werke dieser Ausstellung entstehen genau aus diesem Wechselspiel zwischen analoger Materialität, digitalen Prozessen und Zufall. Ihre Entstehung folgt einem hybriden Rückkopplungskreislauf. Am Anfang steht die Monotypie: Feuchte Farb- oder Tintenschichten werden aufeinander gepresst und wieder auseinandergezogen, wodurch Formen entstehen, die sich niemals vollständig kontrollieren lassen. Die physikalischen Eigenschaften des Materials erzeugen Adern, Texturen, Verzerrungen und unerwartete Strukturen. Durch Verfahren, die der Dekalkomanie ähneln, entstehen dichte organische Formen – mehrdeutige Gestalten, die das Auge dazu einladen, in ihnen nach etwas Erkennbarem zu suchen. Jede Iteration trägt Spuren des Vorherigen in sich und eröffnet zugleich neue Möglichkeiten. Die daraus entstehenden Figuren wirken zugleich vertraut und fremd. Längliche Gliedmaßen, Masken, Gesichter, Hände und fragmentierte Körper tauchen aus Oberflächen auf, die die Unregelmäßigkeit ihrer ursprünglichen materiellen Spuren bewahren. In Werken wie „Simulateness“ (2026) koexistieren mehrere Körper in einem mehrdeutigen Raum, wobei sich ihre langgestreckten Formen überschneiden und zwischen Präsenz und Abwesenheit schwanken. In „Marks of Matter“ (2026) wirkt der Körper selbst fast geologisch: Seine dunkle, rissige Oberfläche scheint die Erinnerung an einen Entstehungsprozess zu tragen, als würde die Figur gleichzeitig aus der Materie hervortreten und sich wieder in ihr auflösen.

Der Ausstellungsraum selbst wird Teil dieser Transformation. Dort, wo zwei Wände aufeinandertreffen und eine räumliche Falte bilden, findet die Faltung des ursprünglichen Papiers in der Architektur ihren Widerhall. Bei „Blot Looking Back“ (2026) erstreckt sich eine zentrale, fast symmetrische Figur über die Ecke und berührt beide Flächen. Es handelt sich nicht einfach um ein im Raum platziertes Bild, sondern um eine Form, die durch Druck, Reflexion, Wiederholung und räumliche Übertragung entstanden zu sein scheint. Hier existieren Subjekt und Objekt, Idee und Material nicht unabhängig voneinander. Sie werden durch den Prozess selbst konstituiert. Jeder Gedanke, jede Messung, jeder technologische Eingriff hinterlässt eine Spur. Wir können gar nicht umhin, einen Abdruck zu hinterlassen.

Durch Symmetrie, Spiegelung, Schnitt und die Modellierung von Augen und maskenartigen Strukturen entwickelt der zufällige Fleck allmählich eine Identität. Was als unbestimmte Markierung begann, wird zu einer Figur – und schließlich zu einem Gegenstück. Das Werk fungiert nicht länger als passives Abbild von etwas, das bereits geschehen ist. Es wird zu einer aktiven Präsenz, die fähig ist, den Betrachter zu konfrontieren. Diese Ausstellung markiert den Moment, in dem die Spur zum Blick wird. Doch dies ist kein Abschluss. Der Blick eröffnet eine weitere Schleife: zwischen Sehen und Gesehenwerden, zwischen Projektion und Wiedererkennung, zwischen Materie und Vorstellungskraft. Das Werk blickt zurück und fordert uns damit auf, noch einmal hinzuschauen.

In dieser Phase wird das Betrachten Teil des Schaffensprozesses. Was als zufällige Spur beginnt, erhält nach und nach das Potenzial, sich in einen Körper, ein Gesicht, eine Maske oder ein unbekanntes Wesen zu verwandeln. Die Werke bewegen sich zwischen Abstraktion und Figuration, zwischen etwas, das lediglich eine Spur hinterlassen hat, und etwas, das zurückzuschauen scheint. Die analogen Spuren werden anschließend digitalisiert und im virtuellen Raum transformiert, wo sie zu einem dreidimensionalen Körper weiterentwickelt werden. Von dort kehren sie in einem weiteren Übersetzungsakt in die physische Welt zurück. Vergrößert und überlagert werden die Formen auf Papier übertragen und mit Tinte und weichen Pastellkreiden weiter ausgearbeitet. Der Prozess verläuft somit nicht linear, sondern rekursiv: Analoge Materie wird zu digitaler Information und kehrt als neue physische Form zurück.

Über Cathrin Hoffmann

Mit ihrer unverwechselbaren abstrakten Darstellung der menschlichen Gestalt, die zugleich mechanisch und geometrisch wie auch fließend und grotesk verzerrt wirkt, knüpft sie an Strömungen der Moderne an. Dabei hinterfragt sie jedoch problematische Aspekte jener Zeit – wie die unzureichende Darstellung der Geschlechter, die Losgelöstheit von gesellschaftlichen Themen und die übermäßige Faszination für Technologie und deren politische Auswirkungen – und stellt sie vor dem Hintergrund aktueller Perspektiven auf die drängenden Fragen des 21. Jahrhunderts in einen neuen Kontext. Durch eine Praxis, die den Dualismus von Virtualität und Realität vereint, lässt sie die Grenzen zwischen klassischer Malerei und Skulptur verschwimmen. Ihre Werke zeichnen sich durch verschwommene Farbverläufe und glatte Oberflächen aus, die aus digitaler Software stammen, sowie durch dynamische Pinselstriche, raue Texturen und unkonventionelle Materialien, die eine physische Präsenz und eine unmittelbare emotionale Resonanz erzeugen.

Seit 2019 hat sich die Künstlerin durch Ausstellungen, Kunstmessen und Residenzen eine starke internationale Präsenz aufgebaut. Zu den frühen Meilensteinen zählen „Virgula Divina“ (2019, Setareh Gallery, Düsseldorf) sowie Gruppenausstellungen in New York und auf der Art Basel Miami Beach. Ab 2020 gewann die künstlerische Praxis mit Einzelausstellungen wie „IT STILL SMELLS OF NOTHING“ (Public Gallery, London) und „Somewhere In Between“ (Duve Berlin) sowie zahlreichen internationalen Gruppenausstellungen an Dynamik. Zu den wichtigsten Höhepunkten des Jahres 2021 zählten die Teilnahme an der Frieze London mit der Galerie Tanja Wagner und die Einzelausstellung „The Future is Beautiful“ in Berlin sowie ein Künstleraufenthalt im Palazzo Monti in Brescia. In den Jahren 2022–2023 erweiterte sich die globale Reichweite des Künstlers weiter durch Einzelausstellungen in Los Angeles und London sowie die Teilnahme an der „Armory Show“ in New York, ergänzt durch Gruppenausstellungen in Europa, Asien und Südamerika. Ein bedeutendes institutionelles Highlight folgte 2025 mit „Hardest Kinds of Soft“ in der Kunsthalle Gießen. Im Jahr 2026 markieren bevorstehende Einzelausstellungen in der Public Gallery in London und im Kunstverein Bamberg die nächsten wichtigen Schritte, neben der Teilnahme an internationalen Gruppenausstellungen. Die Residenz am International Studio & Curatorial Program (ISCP) in New York (2026/27) stellt einen weiteren bedeutenden Meilenstein dar. Die Werke der Künstlerin befinden sich in namhaften internationalen Sammlungen in den USA, China, Australien, Brasilien und Deutschland.


Biografie

*1984 in Deutschland

lebt und arbeitet in Berlin


Einzelausstellungen

2026
Sill, Public Gallery, London, UK

Kunstverein Bamberg, Bamberg, Germany

2025
Hardest Kinds of Soft, Kunsthalle Giessen, Gießen, Germany

2023
The Armory Show, Public Gallery, New York City, USA

2022
Human Hand for Scale, Nicodim Gallery, Los Angeles, USA

Probably Outside, Public Gallery, London, UK​

2021
Frieze London, Galerie Tanja Wagner, London, UK

The Future is Beautiful, Galerie Tanja Wagner, Berlin, Germany

2020
IT STILL SMELLS OF NOTHING, Public Gallery, London, UK

Somewhere In Between, Duve Berlin, Berlin, Germany

2019
Virgula Divina, Setareh Gallery, Düsseldorf, Germany


Ausgewählte Gruppenausstellungen

2026
Progress Is Not A Straight Line, IOMO Gallery, Bukarest, Romania

2025
WE. The Body as Sign, Kunstmuseum Mülheim, Mülheim a. d. Ruhr, Germany

MAXIMAL – Remise im Wrangelkiez, Berlin Art Week, Berlin, germany

Berliner Realistinnen, Haus am Lützowplatz, Berlin, Germany

Crooked Smile, Hope 93 Gallery, London, UK

2024​
Indiscret, Ventana/Passage Gallery, Berlin, Germany

Apple of Discord, Louise Alexander Gallery, Porto Cervo, Sardinia

There Is Something Odd..., Christine König Galerie, Vienna, Austria

C​reatures & Masks, Fabian Lang Galerie, Zurich, Switzerland

​2023
Now, Museu Inimá de Paula, Belo Horizonte, Brazil

We Shall Be Monsters, Petra Martinetz Galerie, Cologne, Germany

X Pink 101, X Museum, Beijing, China

Short-term pleasure, Long-term pain, Public Gallery, London UK​

2022
TRONIES, Christine König Galerie, Wien, Austria

Disembodied, Nicodim Gallery, Bucharest, Romania

2021
Saltro in Altro, Palazzo Monti, Brescia, Italy

Stockholm Sessions, Carl Kostyál, Stockholm, Sweden

The Artist is Online, König Galerie, Berlin, Germany

2020
Ein Museum Auf Probe, Villa Merkel, Esslingen, Germany

Transatlantico, Mana Contemporary, Jersey City, NJ, USA

Layers & Tracks, Galerie Ron Mandos, Amsterdam, The Netherlands

Everyday is Sunday, UTA Artist Space, Beverly Hills, CA, USA

DECADE, Marian Cramer Projects, Amsterdam, The Netherlands

Second Smile, The Hole, New York, NY, USA

2019

Juxtapoz at 25: In Black and White, Art Basel, Miami Beach, FL, USA

Too Many I In Digital, Marian Cramer Projects, Amsterdam, The Netherlands

Post Digital Pop, The Garage Amsterdam, Amsterdam, The Netherlands

Post Analog Studio, The Hole, New York, NY, USA

Ausgewählte Residencies

2026/27
International Studio & Curatorial Program (ISCP), New York, USA

2021
Palazzo Monti, Brescia, Italy

2019
PLOP, London, UK

Ausgewählte öffentliche Sammlungen

​Green Family Art Foundation, Dallas Texas, USA

Longlati Foundation, Shanghai, China

Buxton Contemporary, Melbourne, Australia

X Museum, Beijing, China

Museu Inimá de Paula, Belo Horizonte, Brazil

Fundación MEDIANOCHE0, Granada, Spain

Xiao Museum, Rizhao, China

Collection Born, Munich, Germany

The Olbricht Collection, Ruhrgebiet, Germany

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