“An Imprint Is Never Something Passive”

„Ein Abdruck ist nichts Passives“

Ein Gespräch mit der Künstlerin Cathrin Hoffmann über Zufall, Resonanz und das Potenzial eines Abdrucks.

In ihrer Ausstellung bei FRIDAY BIRD beschäftigt sich Cathrin Hoffmann mit dem Abdruck – nicht nur als Spur von etwas Vergangenem, sondern als Ausgangspunkt für Neues. Im Gespräch erzählt sie, wie aus zufälligen Klecksen eine dreidimensionale Skulptur entsteht, welche Rolle unsere eigenen Assoziationen dabei spielen und warum sie sich beim künstlerischen Arbeiten gerne ein Stück weit der Kontrolle entzieht.

 

Die zentrale Skulptur der Ausstellung ‚Blot Looking Back‘ ist aus einem Abdruck entstanden, der an einen Rorschachtest erinnert. Du hast diesen Abdruck digital weiterverarbeitet und in eine dreidimensionale Form übersetzt. Was hat dich daran interessiert? Und warum wolltest du ihn nicht einfach als Bild belassen, sondern in den Raum überführen?

An einem Abdruck finde ich spannend, dass er ursprünglich etwas Vergangenes als Zeichen festhält. Er macht etwas Abwesendes präsent. Im Digitalen kann ein Abdruck aber auch zur Schablone für etwas Neues werden. Deshalb wollte ich den zufällig auf dem Papier entstandenen Abdruck in den virtuellen Raum übertragen, neu übersetzen und anschließend als Objekt wieder in den analogen Raum zurückbringen. Es entsteht eine Art Schleife, die sich bereits im Prozess des Machens immer weiterbewegt.

Installationsansicht von Cathrin Hoffmanns Ausstellung 'Blot Looking Back' bei FRIDAY BIRD. Zu sehen bis zum 7. November 2026.

 

Was passiert bei dieser digitalen Transformation mit dem ursprünglichen Abdruck? Was bleibt erhalten, und was verändert sich?

Bei dem Rorschachtest war der Prozess besonders interessant. Zunächst waren da nur Kleckse, in denen ich eine liegende Figur erkannt habe. Durch das Falten des Papiers entstand die klassische Dopplung. Als ich das Papier drehte, sah ich plötzlich eine Maske, die mich anstarrte. Das hat mich selbst überrascht.

Ich habe viele Varianten ausprobiert. Erst im digitalen Prozess konnte ich diese Maske stärker herausarbeiten. Was ich in den Klecks hineinprojiziert hatte, wollte ich in der Form deutlicher sichtbar machen. Dafür musste ich den ursprünglichen Abdruck verändern, damit auch andere diese Assoziation entwickeln können.

Wenn wir in einem zufälligen Abdruck plötzlich ein Gesicht erkennen: Entdecken wir etwas, das bereits darin angelegt ist und das auch andere sehen können? Oder projizieren wir dabei vor allem etwas von uns selbst hinein?

Das hat ganz viel mit uns selbst zu tun. Und das ist eigentlich auch ein zentrales Thema der Ausstellung. Ich glaube, dass ein Abdruck immer eine Form von Resonanz ist: Wir tragen etwas in uns, das wir in die Welt zurückgeben. Was wir sehen, können wir vielleicht überhaupt erst deshalb erkennen, weil frühere Ereignisse bereits Spuren in uns hinterlassen haben.

Es ist eine ständige Interaktion. Wir hinterlassen etwas und werfen etwas Neues zurück. In diesem Hin und Her entstehen fortwährend Abdrücke. Und genau darin liegt die Möglichkeit, dass immer wieder etwas Neues entsteht. Nichts ist abgeschlossen.

"Ich glaube, dass ein Abdruck immer eine Form von Resonanz ist."

Das finde ich auch hoffnungsvoll. Selbst wenn etwas in uns negative Assoziationen hervorruft, können neue Erfahrungen wieder etwas anderes in uns auslösen und verändern. Es ist ein stetiges Werden.

Auch das Wort „beeindrucken“ finde ich in diesem Zusammenhang interessant. Wenn uns etwas beeindruckt oder wir jemanden beeindrucken, hinterlassen wir tatsächlich eine Spur.

Bei zwei weiteren Arbeiten entsteht eine Figur unmittelbar als Abdruck einer anderen. Wie funktioniert dieser Prozess? Und was unterscheidet ihn von dem längeren Weg, den der Abdruck bei der zentralen Skulptur genommen hat?

Bei diesen beiden Arbeiten ging es zunächst um das Spiel mit dem Material. Ich habe die Farbe sehr dick aufgetragen und versucht, mit den Farbschichten einen Körper zu modellieren. Durch den Kontakt mit dem Papier hat sich die Form noch einmal verändert und viele Details gingen verloren.

Gleichzeitig sind durch das Material selbst neue Formen entstanden, diese Adern, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Das finde ich spannend: Das Material kreiert etwas, das nicht vorhersehbar ist.

Matter of Marks / Marks of Matter, 2026. Acryl und Pastell auf Papier, 100 x 50 cm.  

 

Auch die Titel Marks of Matter und Matter of Marks spielen mit diesem Gedanken. Sie verbinden Spur und Bedeutung, also die Frage, welche Bedeutung eine Spur hinterlässt und welche Spur wiederum Bedeutung erzeugt. Es geht immer wieder um dieses Wechselspiel und um Resonanz.

Zufall spielt bei all diesen Arbeiten eine wichtige Rolle. Wie viel Kontrolle gibst du dabei ab? Und was passiert, wenn ein Abdruck etwas anderes zeigt, als du erwartet hast?

Der Kontrollverlust ist durchaus gewollt. Das ist für mich ein wichtiger Zugang zu meinen Arbeiten. Sie beginnen meist mit sehr intuitiven Zeichnungen, bei denen eher die Hand führt als der Kopf. Bei Techniken wie der Klecksographie oder dem direkten Abdruck wird dieses Prinzip noch deutlicher.

"Da habe ich aufgehört, weil die Form eine unmittelbare Emotion in mir ausgelöst hatte."

Gerade in einer Zeit, in der sich digital fast alles kontrollieren und manipulieren lässt, interessieren mich die Dinge, die unvorhersehbar bleiben.

Natürlich habe ich beim Rorschachtest viele Varianten ausprobiert. Aber irgendwann kam dieser Moment, in dem ich selbst erschrocken bin: als ich beim Drehen des Papiers plötzlich diese Fratze sah, die zurückblickte. Da habe ich aufgehört, weil die Form eine unmittelbare Emotion in mir ausgelöst hatte.

Bei zwei anderen Arbeiten gibt es keinen direkten Abdruck, sie beziehen sich aber aufeinander. Wie entsteht diese Verbindung? Was kann sich zwischen zwei Arbeiten spiegeln, auch wenn die eine nicht unmittelbar aus der anderen hervorgegangen ist?

Der Gedanke des Abdrucks hat sich für mich auch durch den Holzschnitt weiterentwickelt, den ich für die Ausstellung gemacht habe. Dabei habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wie etwas gleich bleiben und sich gleichzeitig verändern kann.

Ein Holzschnitt ist keine Reproduktion im Sinne eines digitalen Ausdrucks, bei dem jedes Exemplar identisch ist. Jeder Druck ist auf seine Weise ein Unikat. Es ist nicht vollständig vorhersehbar, wie sich das Papier unter der Presse verhält oder wie die Farbe auf dem Papier erscheint.

Auch bei den anderen Arbeiten geht es um dieses Spannungsverhältnis: Ein Abdruck scheint zunächst etwas Gleiches zu wiederholen, wie ein Stempel, der immer dieselbe Form hervorbringt. Und doch kann jeder Abdruck etwas Neues hinterlassen. Je nach Konstellation wirkt er anders.

Spatial Unfold / Simulateness, 2026. Kohle auf Papier. 100 x 70 cm. 

 

Das gilt auch für Begegnungen zwischen Menschen. Wir sind nicht einfach diejenigen, die bei anderen einen Abdruck hinterlassen. Erst in der Begegnung entsteht etwas. Wenn ein Fuß in den Sand tritt, hat nicht nur der Fuß den Abdruck geschaffen, sondern auch der Sand hat sich in den Fuß gedrückt.

Mich interessiert dieses wechselseitige Geschehen. Etwas entsteht erst durch das Zusammenwirken beider Seiten. Und damit verbunden ist auch Verantwortung: Wir müssen uns bewusst sein, dass auf das, was wir hinterlassen, etwas zurückwirkt – und dass wir auch dafür mitverantwortlich sind.

Du hast gerade den Holzschnitt erwähnt, den du für die Ausstellung angefertigt hast. Was hat dich daran gereizt, mit dieser Technik zu arbeiten?

Mich hat vor allem das Spiel mit dem Material interessiert. Man greift fast gewaltsam in das Holz ein, verändert seine Maserung, die eigentlich schon von sich aus einen schönen Abdruck ergeben könnte, und verfremdet sie.

Ich wollte mich auch stärker mit dem Handwerklichen und Körperlichen beschäftigen. Ein Holzschnitt ist echte Arbeit. Dazu kommen der Geruch des Holzes und die Auseinandersetzung mit dem Material.

Spannend finde ich außerdem, dass man etwas vervielfältigen kann, das trotzdem bei jedem Druck individuell bleibt. Und natürlich gibt es die Ungewissheit: Ist das Motiv tief genug eingeschnitten? Muss ich noch etwas verändern? Oder war der Schnitt schon zu tief?

Holzschnitt 'The Shape Left Behind', 2026.  71,5 x 57,5 cm. Edition von 10. 

 

Dazu kommt die Endgültigkeit. Was einmal weggeschnitten ist, ist weg. Als Malerin kann ich die Farbe immer wieder verschieben oder eine weitere Schicht auftragen. Beim Holzschnitt muss ich irgendwann zu meiner Entscheidung stehen. Auch wenn etwas anders geworden ist als geplant, muss ich darauf reagieren und damit weiterarbeiten. Genau dieses Zusammenspiel mit dem Material ist faszinierend.

Hat sich deine Vorstellung davon, was ein Abdruck sein kann, während der Arbeit an den Bildern und Skulpturen verändert?

Ja, sehr. Im Laufe der Arbeit ist mir zunehmend bewusst geworden, dass ein Abdruck nichts Passives ist, sondern etwas Aktives. Er ist nicht nur etwas Vergangenes, sondern weist in die Zukunft. Diese Erkenntnis ist während des Arbeitens entstanden. Und auch die Gedanken, über die wir gerade gesprochen haben, haben sich erst im Prozess entwickelt.

Ein Abdruck ist für mich also nicht einfach eine zurückgebliebene Spur. Er ist etwas, das weiterwirkt und immer wieder Neues hervorbringen kann.

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