Why There Are No Bad Art Purchases

Kann man Kunst falsch kaufen?

Ein Gespräch mit dem Sammler Dirk Lehr

Seit mehr als drei Jahrzehnten sammelt Dirk Lehr Kunst. Angefangen hat er als Schüler, heute umfasst seine Sammlung mehrere hundert Werke — Grafiken, Arbeiten auf Papier, Leinwände, Fotografie. Nora Vogel, Mitgründerin von FRIDAY BIRD, sprach mit ihm über erste Käufe, innere Widerstände und die Frage, ob man eigentlich reich sein muss, um Kunst zu sammeln.

Erinnern Sie sich noch an das erste Kunstwerk, das Sie gekauft haben und wo es jetzt hängt?

Ja, daran erinnere ich mich noch sehr gut. Das war 1988, ich war noch Schüler. Es war eine Lithografie von Salvador Dalí. Er hat damals noch gelebt, was mir wichtig war. Dalí hat mich begeistert, der Surrealismus interessiert mich bis heute.

Das Werk hängt aber heute nicht mehr bei mir. Ich habe es an eine Bekannte verkauft, die durch mich selbst angefangen hatte, Kunst zu erwerben. Für sie war es wichtig, dass jemand, den sie kennt, dieses Werk bereits besessen hatte. Das war ihr Eintrittspunkt.

Was hat Sie damals zu diesem Kauf bewegt? War es eine rationale Entscheidung oder eher ein Bauchgefühl?

Es war sehr emotional. Ich war auch etwas aufgeregt. Aber dann habe ich die Grafik gegen das Licht gehalten, und gesehen, wie die Farbe auf dem Blatt „sitzt“, die Struktur der Druckfarbe. Das war etwas völlig anderes, als ein Poster, was man in dem Alter ja sonst kannte. Das war eine ganz eigene Erfahrung.

Hatten Sie beim ersten Kauf Zweifel?

Nein, ich war mir absolut sicher.

Die Sicherheit kam aus einem inneren Bedürfnis heraus. Die Kunst hat mich schon als Schüler infiziert. Ich besuchte Museen, Galerien und organisierte Ausflüge zu Ausstellungen. Ich habe gemerkt, dass mich Kunst so elektrisiert, dass ich resistent war gegen alle Bedenken.

Das bedeutete allerdings nicht, dass mein Umfeld diese Begeisterung teilte. Im Gegenteil, ich wurde durchaus auch kritisch beäugt. Dass da einer mit seinen 18 Jahren sein Taschengeld und seine Ersparnisse für so etwas ausgab, hat Leute irritiert. Kunst zu kaufen war damals ungewöhnlich und galt oft auch noch als elitär.

Ich selbst habe die Entscheidung jedoch nie infrage gestellt.

 

                   

                            Sammler Dirk Lehr während eines Künstlergesprächs bei FRIDAY BIRD

 

Was treibt Sie eigentlich an, warum sammeln Sie Kunst?

Das ist eine Frage, die ich mir selbst nie so gestellt habe, weil ich einfach getrieben war. Der erste Kauf war wie ein Erlösungsmoment. Ich habe sofort gesehen, was mir das gibt: Das Geld pulverisiert sich nicht, es verwandelt sich in etwas, das jeden Tag da ist. Das Werk hing in meinem Jugendzimmer, ich habe es jeden Tag gesehen. Und mir war sofort klar: Ich brauche das nächste Bild.

"Das Geld pulverisiert sich nicht, es verwandelt sich in etwas, das jeden Tag da ist."

Ich lebe seitdem mit Kunst. Sie erfüllt auch eine Funktion, die oft unterschätzt wird. Man kommuniziert mit ihr. Man kann jeden Tag innehalten, in einem Bild versinken. Und man beeinflusst damit das Umfeld, in dem man lebt, ob man will oder nicht.

Gab es einen Moment, in dem Sie sich erstmals als Sammler verstanden haben oder ist das eher schleichend passiert?

Als ich angefangen habe zu kaufen, habe ich nicht darüber nachgedacht, ob ich Sammler bin. Es ging mir um das Bild, nicht um eine Sammlung. Auch nicht darum, ob es zur Einrichtung passt oder ob ich überhaupt Platz dafür habe. Es ging mir seit jeher um Künstler und Werk. Rückblickend würde ich sagen: Ich habe von Anfang an als Sammler gehandelt, weil ich von Anfang an so gedacht habe.

Würden Sie heute etwas anders machen, wenn Sie noch einmal ganz von vorne anfangen würden?

Nein. Natürlich würde ich manche frühen Käufe heute anders bewerten. Aber genau diese Erfahrungen waren wichtig. Sie haben mir geholfen zu verstehen, was Qualität bedeutet, was mich langfristig interessiert und welche Kunst ich dauerhaft in meinem Leben haben möchte.

Deshalb spreche ich auch ungern von Fehlkäufen. Für mich gibt es keine Fehlkäufe. Es gibt nur Lernkäufe.

"Für mich gibt es keine Fehlkäufe. Es gibt nur Lernkäufe."

Ist das womöglich das größte Hindernis für Menschen Kunst zu kaufen, die Angst vor dem Fehlkauf? 

Absolut. Viele Menschen beginnen gar nicht erst zu sammeln, weil sie Angst haben, die falsche Entscheidung zu treffen. Sie wollen sich absichern, um ihren Kauf sich selbst und auch anderen gegenüber gewissermaßen rechtfertigen zu können. Dabei gehört genau diese Erfahrung auch mal daneben zu liegen dazu. Das eigene Auge entwickelt sich durch das Sehen und Vergleichen – und manchmal eben auch durch Entscheidungen, die einen etwas lehren.

Viele Menschen glauben, Kunstsammeln sei nur etwas für Wohlhabende. Was würden Sie ihnen entgegnen?

Das ist natürlich Unsinn. Kunstsammeln hat nichts mit finanziellem Reichtum zu tun. Kunstsammeln hat etwas mit Interesse zu tun. Gute Kunst muss nicht teuer sein. Viele Sammler beginnen mit Druckgrafiken oder Arbeiten auf Papier, so wie ich damals. Und bis heute kaufe ich Grafiken, weil sie ein eigenständiges Medium mit eigenen Qualitäten sind.

Kunstsammeln war für mich schon immer eine Frage der Priorität und keine finanzielle. Jeder entscheidet anders, wofür er sein Geld ausgeben möchte. Die einen tun das zum Beispiel für Reisen, Autos, Elektro- oder Modeartikel. Andere entscheiden sich dafür, mit Kunst zu leben.

Eine Kunstmesse ist ein ausgezeichneter Ort, um Kunst zu entdecken und das Auge zu schulen. 

 

Wie hat das Sammeln Ihren Blick auf Kunst verändert? Sehen Sie Werke heute anders als am Anfang?

Mein Sehen ist effizienter geworden.

Durch Jahrzehnte des Schauens und Vergleichens entwickelt man ein Auge dafür, welche Arbeiten eine nachhaltige Relevanz besitzen und welche nicht.

Dabei geht es mir nicht um die Unterscheidung zwischen guter und schlechter Kunst. Interessanter ist die Frage nach ihrer Relevanz. Trägt eine Arbeit etwas Eigenes bei? Entsteht sie aus einer künstlerischen Notwendigkeit heraus? Hat sie das Potenzial, auch in zehn oder zwanzig Jahren noch etwas auszulösen?

"Dabei geht es mir nicht um die Unterscheidung zwischen guter und schlechter Kunst. Interessanter ist die Frage nach ihrer Relevanz."

Diese Fragen kann ich mir heute viel schneller beantworten als früher.

Gleichzeitig bleibt die Neugier entscheidend. Ich gehe bewusst in Ausstellungen, die mich mutmaßlich nicht interessieren dürften. Manchmal gehe ich raus und sage: Gut, dass du da warst. Manchmal fühle ich mich bestätigt. Beides ist wertvoll. Als Sammler darf man nicht selbstgefällig werden.

Welche Rolle spielen Galerien für Sie und was unterscheidet eine gute von einer schlechten?

Eine Galerie ist für mich vor allem ein Filter. Aber nicht alles, was in einer Galerie gezeigt wird, ist automatisch relevant – dazu gibt es zu viele Galerien und zu viele Künstler. Eine Galerie ist nicht gleich eine Galerie.

Gute Galerien helfen dabei, sich in einer immer komplexeren Kunstwelt zurechtzufinden. Sie bieten Orientierung. Sie helfen dabei, Positionen zu finden, die Eigentümlichkeit, Ernsthaftigkeit und Relevanz besitzen.

"Eine Galerie ist für mich vor allem ein Filter."

Was ich besonders schätze, sind Galerien, die mit Künstlerinnen und Künstlern kooperieren, die aus einer inneren Notwendigkeit heraus arbeiten– und nicht einfach deshalb, weil etwas gerade im Trend liegt.

Was würden Sie jemandem raten, der morgen zum ersten Mal ein Kunstwerk kaufen möchte?

Drei Dinge. Erstens: Die eigene Hemmschwelle überwinden. Der erste Kauf ist der entscheidende.  Nicht weil das Werk ein Volltreffer sein muss, sondern weil man danach weiß, dass es nicht „wehtut“, Kunst gekauft zu haben. Im Gegenteil. Die eigentliche Freude kommt hinterher, sie bleibt. Und das intensiver als erwartet.

Zweitens: Galerien betreten, ohne Scheu. Sie sind keine Assessment Center, in denen es darum geht, mit Kenntnissen zu glänzen. Galerien wollen kein Wissen abfragen, sondern über Kunst sprechen, Kunst vermitteln, was auch ihre Aufgabe ist.

Und drittens: Viel sehen und vergleichen. Möglichst regelmäßig Museen, Ausstellungen, Messen besuchen. So merkt man, was einen anspricht. Das reicht schon. Die Chemie zwischen Werk und einem selbst entsteht dann von alleine. Man muss kein Experte sein. Man muss niemanden beeindrucken. Entscheidend ist, herauszufinden, welche Kunst einen persönlich berührt.

Wenn Sie nur ein einziges Werk aus Ihrer Sammlung behalten dürften, welches wäre das?

Das ist eine schwierige Frage.

Eines wäre sicherlich eine Arbeit von Robert Rauschenberg aus seiner Serie Cardbirds. Das sind Arbeiten aus Kartonverpackungen, die etwas Alltägliches in etwas völlig Neues verwandeln.

Und wenn ich ein zweites nennen dürfte, dann Andy Warhols Electric Chair. Was ich daran spannend finde, ist dass Warhol Bilder von Tod und Katastrophen genauso behandelte wie Bilder von Marilyn Monroe oder Elvis Presley. In seiner Bildsprache machte er keinen Unterschied zwischen Berühmtheit und Tragödie.

Warhol kommentierte seine Electric Chair Serie mit dieser Aussage: „Man wird kaum glauben, wie viele Leute sich das Bild eines elektrischen Stuhls ins Wohnzimmer hängen. Insbesondere dann, wenn die Farbe des Bildes zur Farbe der Vorhänge passt.“ Für mich steckt darin sehr viel von dem, was Kunst zu leisten imstande ist.

Mehr über Dirk Lehr und eine Sammlung auf Instagram: @dirklehrcollection

 

 

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