Von der australischen Wüste nach Berlin
Ein Gespräch mit Druckmeister Ulrich Kühle
Ulrich Kühle lud einmal eine Druckpresse auf einen Lastwagen und ist damit in die Western Desert Australiens gefahren, um direkt mit Aboriginal Artists in ihren Communities zu arbeiten. Diese Erfahrung der Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern prägen bis heute seine Arbeit – auch mehr als fünfzehn Jahre nach der Gründung seiner Berliner Druckwerkstatt Keystone Editions. Wir haben mit ihm über diese prägende Zeit, die Zusammenarbeit zwischen Künstler und Druckmeister und darüber gesprochen, warum ihn die Druckgrafik bis heute begeistert.
Als Sie Keystone Editions vor mehr als 15 Jahren gegründet haben – welche Vision hatten Sie damals?
Ich wollte eine Druckwerkstatt schaffen, in der Künstlerinnen und Künstler das Gefühl haben, in ihrem eigenen Atelier zu arbeiten – einen Ort, an dem sie die Möglichkeiten der Druckgrafik erkunden und originale Druckgrafiken schaffen können.
Ihre Ausbildung führte Sie nach New Mexico, Irland und Australien, wo Sie ganz unterschiedliche Traditionen der Druckgrafik kennengelernt haben. Welche dieser Erfahrungen hat Ihre Arbeit am stärksten geprägt?
Eine besonders prägende Erfahrung war meine Zeit bei Northern Editions in Darwin, Australien, wo wir hauptsächlich mit Aboriginal Artists gearbeitet haben. Für mich war das ein völlig neuer kultureller Kontext.
Anstatt darauf zu warten, dass die Künstler zu uns kamen, haben wir die Druckpressen auf einen Lastwagen geladen und sind in die Western Desert gefahren, um direkt in ihren Communities zu arbeiten. Das war eine vollkommen andere Art, Kunst zu schaffen und zusammenzuarbeiten.
Meine Aufgabe war es, mein technisches Wissen einzubringen und den Künstlerinnen und Künstlern dabei zu helfen, ihre Ideen in originale Druckgrafiken zu übersetzen. Diese Erfahrung hat mein Verständnis der Beziehung zwischen Künstler und Druckmeister nachhaltig geprägt.

Außergewöhnliche Druckgrafik erfordert fundiertes Fachwissen und die Erfahrung eines ausgebildeten Druckmeisters.
Die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern steht im Mittelpunkt Ihrer Arbeit. Was macht eine erfolgreiche Partnerschaft zwischen Künstler und Druckmeister aus?
Das Wichtigste ist, dass etwas Neues entsteht – dass der gemeinsame Arbeitsprozess neue Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet, sowohl für den Künstler als auch für den Druckmeister.
Am Ende ist das beste Ergebnis, wenn der Künstler die Werkstatt mit dem Gefühl verlässt, dass wir gemeinsam etwas geschaffen haben, mit dem er wirklich zufrieden ist.
Diese Offenheit für Experimente scheint Keystone Editions von Anfang an geprägt zu haben. Sie haben Ihre Werkstatt 2010 in Berlin gegründet. Welchen Einfluss hatte die Berliner Kunstszene auf ihre Entwicklung?
Unsere Arbeit in Berlin war deutlich experimenteller als in den Werkstätten, in denen ich zuvor gearbeitet habe.
Viele Künstlerinnen und Künstler kamen mit Ideen zu uns, die zuvor noch nie mit den Mitteln der Druckgrafik umgesetzt wurden. Gemeinsam haben wir uns gefragt: Können wir das realisieren? Finden wir dafür eine druckgrafische Lösung? Dieser experimentelle Ansatz ist zu einem wichtigen Bestandteil von Keystone Editions geworden.
Gibt es ein Projekt, das Ihnen in diesem Zusammenhang besonders in Erinnerung geblieben ist?
Eines meiner Lieblingsprojekte ist Bang von Arturo Herrera.
Die Idee entstand aus zwei ganz unterschiedlichen Impulsen. Damals kursierten in den sozialen Medien viele Videos über Wassertransferdruck auf dreidimensionalen Objekten, etwa auf Autofelgen. Zur gleichen Zeit kam Arturo mit einer Backform in die Werkstatt und fragte, ob sich daraus etwas entwickeln ließe.

'Bang' von Arturo Herrera ist ein Beispiel für eine experimentelle Herangehensweise an Druckgrafik.
Diese beiden Ideen kamen zusammen, und wir haben uns gefragt, ob sich dieses Verfahren für die künstlerische Druckgrafik adaptieren lässt. Am Ende haben wir eine Möglichkeit entwickelt, ein lithografisches Motiv auf ein dreidimensionales Objekt zu übertragen.
Welches Missverständnis begegnet Ihnen im Zusammenhang mit Druckgrafik am häufigsten?
Das größte Missverständnis ist wahrscheinlich, dass Editionen als Reproduktionen eines bereits existierenden Kunstwerks verstanden werden – etwa einer Zeichnung oder eines Gemäldes – und dass deshalb weniger künstlerische Arbeit in ihnen steckt.
Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Originale Druckgrafiken sind keine Reproduktionen. Sie existieren in keiner anderen Form, sondern werden eigens für das jeweilige Verfahren entwickelt – sei es als Lithografie, Radierung oder Holzschnitt.
Was entdecken Künstlerinnen und Künstler häufig über die Druckgrafik, sobald sie beginnen, in einer Druckwerkstatt zu arbeiten?
Wenn sie zuvor noch nie mit Druckgrafik gearbeitet haben, stellen sie oft fest, dass ein neues Medium auch ihre künstlerische Arbeit verändert. Sich auf neue Techniken und neue Ausdrucksmöglichkeiten einzulassen, wirkt sich häufig auch auf ihre Arbeit im Atelier aus, weil sie neue Impulse und Perspektiven gewinnen.
Künstlerinnen und Künstler, die bereits Erfahrung mit Druckgrafik haben, erleben oft, dass die Zusammenarbeit mit einem professionellen Druckmeister ihnen neue Blickwinkel auf ihre eigene Arbeit eröffnet. Vor Kurzem hatte ich einen Künstler in der Werkstatt, der druckgrafische Methoden kennengelernt hat, die er vorher nicht kannte und die inzwischen auch seine Arbeit im Atelier beeinflussen.
Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der seine erste originale Druckgrafik kaufen möchte?
Zunächst einmal würde ich empfehlen, ein Werk auszuwählen, das einen wirklich anspricht.
Originale Druckgrafiken gibt es in ganz unterschiedlichen Formen – als kleine Editionen oder auch als Unikate. Fragen Sie in der Galerie nach oder informieren Sie sich über die verwendete Technik, um sicherzugehen, dass es sich tatsächlich um eine originale Druckgrafik und nicht um eine Reproduktion handelt.
Es lohnt sich außerdem, nachzufragen, wie das Werk entstanden ist, ob der Künstler selbst unmittelbar am Entstehungsprozess beteiligt war und ob er mit einem professionellen Druckmeister zusammengearbeitet hat. In einer Druckwerkstatt entstehen Editionen nach sehr präzisen technischen Standards, während Künstler bei selbst gedruckten Editionen häufig freier arbeiten.
Wir leben in einer zunehmend digitalen Welt, und dennoch behauptet die Druckgrafik ihren Platz. Wie sehen Sie die Zukunft dieses Mediums? Und was wünschen Sie sich für Keystone Editions?
Ich glaube, dass die Druckgrafik auch in Zukunft Höhen und Tiefen erleben wird – so wie schon in den vergangenen Jahrzehnten.
Was sich jedoch nicht ändern wird, ist ihr materieller Charakter. Künstler arbeiten mit physischen Materialien und schaffen etwas Greifbares – ein originales Kunstwerk, mit dem Sammlerinnen und Sammler leben und das sie unmittelbar erleben können. Ich bin überzeugt, dass genau diese Materialität immer zu den großen Stärken und besonderen Qualitäten der Druckgrafik gehören wird.
Für Keystone Editions wünsche ich mir vor allem, dass wir unsere Arbeit so fortsetzen können wie bisher. Gleichzeitig hoffe ich, dazu beizutragen, eine neue Generation von Druckerinnen und Druckern auszubilden, damit diese enge Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Druckmeistern auch in Zukunft weiterlebt.
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Über Ulrich Kühle
Ulrich Kühle ist Tamarind Trained Master Printer (TMP) und Gründer von Keystone Editions in Berlin. Die Ausbildung am international renommierten Tamarind Institute in New Mexico gilt als eine der höchsten Qualifikationen im Bereich der künstlerischen Lithografie. Nach Stationen in Druckwerkstätten in Deutschland, Irland, Australien und Südafrika gründete er 2010 Keystone Editions. Seitdem arbeitet er mit international renommierten Künstlerinnen und Künstlern zusammen und realisiert originale Druckgrafiken, die traditionelle Handwerkskunst mit experimentellen Ansätzen verbinden.